Karma… ein philosophischer Exkurs

Glaubt ihr an sowas wie Karma? ausgleichende Gerechtigkeit? göttliche/kosmische Strafen? Ich habe lange an sowas geglaubt: Alles was man in die Welt bringt, kommt doppelt zu einem zurück. Ich hab immer versucht, mehr Gutes als Schlechtes in die Welt zu bringen. Sicher bin auch ich kein Gutmensch, aber ich bemühe mich. Ich bin nie böswillig, selbst wenn man mich tief kränkt. Ich gebe jedem eine zweite Chance, versuche nicht neidisch zu sein, nicht großkotzig, gnädig zu bleiben, anderen zu vergeben und ehrlich zu mir selbst und zu meinen Mitmenschen zu sein, solange ich sie damit nicht verletze (besteht die Gefahr, wäge ich Nutzen und Leid ab). Seit einigen Wochen überlege ich, ob ich mich weiter bemühen will…machen wir uns nichts vor, manchmal würde uns das „falsche“ Verhalten kurzfristig glücklicher machen, manchmal wäre es die einfachere Wahl.

Vor längerer Zeit habe ich einen Artikel gelesen, in dem ein Psychologe erklärte, dass es ausgleichende Gerechtigkeit nicht gibt. Sie ist nur ein Hirngespinst, mit dem wir uns trösten wollen, wenn uns etwas Schlimmes zustößt, wenn wir uns ungerecht behandlet fühlen. Es gibt nun mal Menschen, denen dauernd Schlimmes zustößt und sie werden nie dafür „belohnt“ und wieder anderen fällt alles in den Schoß… Ich bin weder das eine noch das andere. Aber irgendwie hat mich dieser Artikel sehr traurig und nachdenklich gemacht. Nun hat mir unser (katholischer) Reli-Kollege auch noch meine Vorstellung eines uns lenkenden und beschützenden Gottes genommen (die einzige Vorstellung mit der ich mich je arrangieren konnte). Er sprach vom „Uhrmacher“-Konzept: Gott brachte alles in Gang und seit dem sind die Menschen sich selbst überlassen… so erklärt sich auch alles Übel in der Welt. Gut, dann ist die Schei*e hier also keine kosmische oder göttliche Strafe. Aber wozu soll ich dann noch gut sein? Wozu soll ich dann noch nach dem Guten streben? Sicherlich ist das etwas kurz gedacht… die unterste Stufe der Moralentwicklung: regelkonformes Verhalten zur Vermeidung von Strafen.

Klar ist: andere glücklich machen, macht uns selbst glücklich! Wenn meine Schüler nach einer Stunde bei mir wieder lächeln und den bösen Physik-Kollegen vergessen haben, dann fühle ich mich wertvoll und nützlich. Ebenso, wenn ich eine Kollegin für ihre Stärken lobe, anstatt hinter ihrem Rücken über ihre Fehler zu lästern oder wenn ich die  mürrische Kassiererin mit einem freundlichen Spruch zum Lächeln bringe. Ich bin stolz auf mich, wenn ich mich, trotz des Stiches in meinem Herzen, schließlich ehrlich für eine Freundin freuen kann, weil sie ein Kind erwartet, auch weil ich dann nicht lügen muss bzw. den Kontakt abbrechen muss. Ich bin auch froh über alle zweiten Chancen, die ich je gegeben habe, einfach weil ich manchmal sehr positiv überrascht wurde. Nicht zu letzt könnte ich hier den guten alten Platon bemühen, der vorschlägt unsere Triebe zu zügeln, um sie einem hören Ziel (eine bessere und freundlichere Welt?) unterzuordnen. Noch weigere ich mich, mein Schicksal als Entschuldigung für unmoralisches Verhalten zu nehmen, aber es fällt mir manchmal schwer… manchmal möchte ich mich einfach auf meiner Pauschal-Entschuldigung „schwere Kindheit Kinderlosigkeit“ ausruhen, möchte den einfachen Weg gehen, vor allem, wenn es doch kein Licht am Ende des Tunnels gibt. Aber noch leuchtet mein inneres Licht hell genug, noch wechsle ich nicht auf die „dunkle Seite der Macht“… noch.

Ach ja: die neusten Entwicklungen, beim Lieblingsmann gibt es wohl auch Probleme – Hormone passen nicht so recht, Therapiemöglichkeit würde aber zu Azoospermie führen (sagt Dr. Google, die KiWu sagt erst was nach dem zweiten Status). Wenn sich mein PCO nun bessert und die Werte vom Lieblingsmann schlimmer werden, dann zahlt die PKV nicht -> Verursacherprinzip! (wird hoffentlich nicht mein Unwort des Jahres). Von den ganzen Babys und Schwangerschaften diese Woche, mag ich gar nicht anfangen, ab 5 hab ich aufgehört zu zählen… Und dass der neueste Running-Gag in meiner Abschlussklasse ist :“Frau Einstrich, wann kommt denn ihr Baby nun?“ (ein Schüler hatte mich vor geraumer Zeit gefragt, weil er wohl was falsch verstanden hatte, als eine Kollegin in Mutterschutz ging – ich reagierte empört und verwies auf den nicht vorhanden Bauch- der Gag hat sich dennoch durchgesetzt), aber das erwähne ich hier jetzt nicht.. Auch nicht, dass eine Kollegin (die von meiner Situation weiß) mir letzte Woche in einem Gespräch absprach, etwas über Mutterschaft sagen zu dürfen: „Woher weißt DU denn was darüber?“. Aber noch leuchtet mein inneres Licht… noch.

5 Gedanken zu “Karma… ein philosophischer Exkurs

  1. Als hättest du MEINE Gedanken aufgeschrieben, jeder von dir benannte Fakt dreht auch in meinem Kopf unaufhörliche Runden und zu jedem Beispiel könnte ich ähnliche Geschichten erzählen.
    Bisher habe ich mich auch versucht, damit zu trösten: wenn ich vor 9 Jahren schwanger geworden wäre, hätte ich vielleicht diese Stelle nicht, das Haus nicht, die Reife nicht, andere Grundsätze, und, und, und – natürlich habe ich mich weiterentwickelt und vielleicht kann man sein Glück tatsächlich später besser genießen und weiß es mehr zu schätzen. Vielleicht rede ich mir da auch was ein. Wäre ich vor 9 Jahren eine schlechtere Mutter geworden, mein Kind unglücklicher, ich unglücklicher? DAS kann keiner sagen und ich möchte es bezweifeln. Ich WEIß aber, dass ich damals noch mein Urvertrauen in mich und die Welt, die Unterstützung meiner Familie und meine (reproduktionsmedizinische) Jugend hatte – und das ist jetzt ganz sicher vorbei.
    Ich werde vermutlich auch so glücklich werden können, aber den Weg dahin, muss ich erst noch finden.
    Aber eines weiß ich – aufgrund meiner mittlerweile gewonnenen Reife 😜- ganz sicher: Auf jedes Tief folgt ein Hoch ( oder so etwas Ähnliches), es kann also jetzt gerade nur bergauf gehen.😘

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  2. Liebe Einstrich,
    ich bin überzeugt davon dass wir alle dieses Schicksal nicht verdient haben. Die Frage nach dem Warum ist eine berechtigte, aber schwierige Frage. In meinen dunklen Phasen habe ich mir diese Frage sehr oft gestellt, aber es gibt keine Antwort darauf. Aber es gibt trotzdem etwas das mir sehr hilft: wenn wir dann doch endlich einmal unser größtes Glück in den eigenen Armen halten dürfen, dann werden wir das alle so sehr viel intensiver und dankbarer genießen als viele andere. Vielleicht sind wir dann sogar ein Stück weit glücklicher.
    Ist natürlich fies von Deinen Schülern dass sie ausgerechnet Dich andauernd nach einem Kind fragen 😦 Und eine sehr unsensible Kollegin hast Du da!
    Aber lass Dein inneres Licht weiter leuchten, egal wie die Geschichte je ausgeht, Dich selber solltest Du nicht verlieren! Du musst leider weiter stark sein und einen Schritt vor den nächsten setzen.. ich wünsche Dir von Herzen dass Du bald für Deine Kraft belohnt wirst!!!
    Alles Liebe

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    • Danke für deine lieben und aufmunternden Worte. Ich werde tapfer weiter gehen und versuchen mich nicht zu verlieren. Meine Schüler wissen ja nichts, daher kann ich ihnen nicht böse sein. Es ist nur einfach doof gelaufen mit diesem Witz.

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  3. Ich bin in der Überzeugung, nichts passiert ohne Grund. Während den 9 Jahren Kinderwunschzeit geriet diese Einstellung ins Wanken. Jetzt hats geklappt und im Nachhinein muss ich sagen, es ist gut, dass ich erst jetzt schwanger wurde und nicht vor 9 Jahren. Ich habe mich weiterentwickelt in dieser Zeit, beruflich und persönlich, habe einen Teil Familienkarma ablegen können.

    Vertrau auf das, was dein Bauch sagt, auch wenn es momentan schwer ist, das Bauchgefühl zu finden.

    Ich drück dich.

    Lg
    Lila

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    • Ich hoffe du hast recht und dass ich irgendwann auch wieder zu dieser Erkenntnis komme. Aber stimmt, weiterentwickelt habe ich mich auch- sicherlich stärker als wenn ich gleich schwanger geworden wäre. Lg

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