Trotzdem gut

Ich habe oft das Gefühl, dass die Auswirkungen der ungwollten Kinderlosigkeit auf das soziale Umfeld und die Psyche nicht viel anders als bei einem chronisch Kranken sind…. und den fragt man ja auch von Zeit zu Zeit wie es ihm geht – also konkret mit seiner Krankheit. Tja, ehrlich gesagt, fragt man mich nur noch selten. Und noch ehrlicher gesagt: Das nervt mich manchmal gewaltig. Natürlich könnte ich auf ein einfaches „Wie geht´s?“ mein Gefühlsleben ausbreiten, aber ich weiß ja, dass diese Frage für die meisten Leute nur eine Floskel ist und dann sind sie schon mit einem „Schlecht.“ überfordert. Ich selbst nutzte diese Floskel oft als Gesprächseinstieg… aber mal ganz ehrlich, so unter Freunden und Familie, da meint man die Frage ja eigentlich ernst… Während im zweiten Jahr des Kinderwunsches noch ab und an nachgefragt wurde, wie wir uns so fühlen und was so als Nächstes geplant ist, ist es mittlerweile sehr ruhig geworden. Traut sich keiner mehr? Haben sie das Interesse verloren? Hat man alles schon (zu oft) gehört? Haben wir eine Bringschuld? Ich weiß es nicht! Aber es nervt! Und noch mehr nervt es, wenn ich mich an schlechten Tagen dann doch dazu aufraffe und einfach von mir aus erzähle, was mich bedrückt und bewegt und dann mit einem „Ach komm, dein Leben ist doch TROTZDEM schön!“ abgewürgt werde.

Dann möchte ich am liebsten schreien!!! JA: TROTZDEM… aber dieses  TROTZDEM tut manchmal Scheiße weh, lässt mich manchmal verzweifeln, macht mich wütend und traurig! Dieses TROTZDEM ist so furchtbar unfair. Ich habe dieses TROTZDEM nicht verdient. Dieses TROTZDEM macht einen Graben zwischen uns auf, weil DU dieses TROTZDEM nie verstehen wirst! Weil du überheblich bist und glaubst, dass ich übertreibe, wenn ich dieses TROTZDEM groß schreibe und in den Mittelpunkt rücke… aber es ist genau da! Es ist das, worum sich mein Leben dreht, mein tolles, erfülltes, lustiges und wundervolles Leben wird immer wieder überschattet von diesem TROTZDEM. Jeden Monat aufs Neue. Es überfällt mich manchmal ganz plötzlich und dann breche ich in Tränen aus und weine auf einmal auf dem Weg zur Arbeit, im Auto. Rotz und Wasser. Denn irgendwie scheint sich das TROTZDEM auf meinem Beifahrersitz besonders Wohl zu fühlen – da kann ich schließlich nicht weg. Manchmal weckt mich das TROTZDEM auch nachts um Drei und dann liege ich ne Stunde wach und muss darüber nachdenken. Ich tue das nicht freiwillig. Ich kann nicht anders. Und bevor du es aussprichst: NEIN! ICH MUSS MICH NICHT ENTSPANNEN!!! Denn auch wenn ich entspannt bin, ist das TROTZDEM noch da. Es fährt auch mit in Urlaub, deswegen werde ich dort auch nicht schwanger… Verstehst du? Dieses TROTZDEM ist immer da. Jeden verdammten Tag. Und ich kann nur versuchen, den Tag irgendwie zu überstehen und es zu ignorieren. Aber es geht nicht weg! Ich nehme sogar schon Medikamente gegen das TROTZDEM und der Lieblingsmann auch. Ich habe so ne Pillendose kaufen müssen, weil sonst zu viele Pillenpackungen in der Küche stehen. Aber das TROTZDEM ist unbeeindruckt. Und ich habe machnmal das Gefühl, dass du mein TROTZDEM gar nicht Ernst nimmst. Dass es dir lästig ist. Ja, das verstehe ich gut – denn mir ist es auch lästig! Aber ich habe das TROTZDEM nicht erfunden, um mich interessant zu machen, sondern ich leide darunter. Und es hilft auch gar nicht, wenn du mir jetzt erklärst, dass „mein Leben EIGENTLICH schön ist“, denn das EIGENTLICH ist ein Freund vom TROTZDEM und beide terrorisieren mich seit drei Jahren. Also wenn du ein bisschen Anstand hast, dann erkennst du verdammt nochmal an, dass mein TROTZDEM deine „Ich habe einen blöden/stressigen Tag“-Story echt übertrifft und wenn du dann noch einen Funken Zuneigung für mich hast, dann lässt mich mich mal ausführlich über mein TROTZDEM klagen, denn ich brauch das machnmal.

Aber natürlich bin ich mir der Überforderung der meisten Menschen bei diesem Thema bewusst und weil ich so unglaublich rücksichtsvoll bin, schreie ich nicht, sondern antworte: „Stimmt ja, hab ich.“ Und ich lächle versöhnlich, damit der andere auch das Gefühl hat mir mit seiner blöden Antwort geholfen zu haben… aber vielleicht drucke ich mir diesen Text hier mal aus und trage ihn dann immer bei mir und sage beim nächsten Mal nichts, sondern stecke dem Gegenüber einfach einen Zettel zu. trotzdem.

21 Gedanken zu “Trotzdem gut

  1. Hast du mal jemandem das genau so gesagt? Vielleicht nicht ganz so laut geschrien, wie du gerne würdest, aber es gesagt?
    Sicherlich wären manche damit überfordert, aber hier würde ich ganz egoistisch denken, dass das doch deren Problem ist.
    Manche würden danach aber vielleicht doch anders reagieren, als du denkst?
    Meine Mutter ist auch so ein Typ, der unbedingt „schlaue Sprüche“ von sich geben muss. Sie meint das überhaupt nicht böse, aber es kommt oft leider scheiße rüber. Wenn ich traurig bin und ihr davon erzähle und mich bei ihr ausheule, will ich oft einfach nur „in den Arm genommen werden“, ich will einfach nur ihr Mitgefühl, ihre Empathie, vielleicht noch das Gefühl verstanden zu werden. Ich will mich einfach ausheulen.
    Meine Mutter hat irgendwie immer den Drang dann irgendwas „positives“ zu sagen. Man soll sich ja auch nicht zu sehr runter ziehen und überhaupt. Immer schön positiv denken.
    Mich nervt das dann tierisch. Irgendwann hab ich ihr das mal gesagt. Zugegeben, ich hätte es netter formulieren können und es vor allem auch netter sagen, ich war genervt und hab sie heulend fast angeschrien.
    Manchmal braucht man keine blöden positiven Sprüche, verdammt noch mal! Manchmal ist eine Situatuon nunmal schlichtweg und einfach nur SCHEIßE und dann ist da auch nichts dran gut zu reden und das hilft dann auch einfach nicht!
    Und manchen Leuten muss man das aber leider auch einfach so sagen, die kapieren das vorher nicht.
    Ich hab aber die Erfahrung gemacht, dass sie es manchmal danach verstehen. Meine Mutter nimmt mich nun manchmal auch einfach nur in den Arm und tröstet mich und gibt zu, dass manche Situationen einfach scheiße sind und dass es ok ist dann zu fluchen und zu heulen und sich vielleicht auch mal „selbst zu bemitleiden“. (wie sie es immer so schön sagt)
    Und nachdem meine Mutter gemerkt hat, dass mir das tatsächlich mehr hilft, als ihre „blöden“ Sprüche, schafft sie es immer besser genau diese auch mal sein zu lassen.

    Ich glaube viele Menschen denken, dass sie einen durch solche blöden Sätze aufmuntern können. Sie sind einfach hilflos und wollen einem helfen und wissen nicht wie und versuchen es damit.
    Manchen muss man erstmal zeigen, dass es einem auch schlicht reicht, wenn sie mitfühlen und zugeben, dass die Situation nun mal einfach scheiße ist. Bedeutet ja nicht gleich, dass die ganze Welt scheiße ist. Oder das ganze Leben. Aber Teile des Lebens können nun mal auch einfach schlicht scheiße sein. Wo ist das Problem das so zu sagen?
    Und die Leute, die das nicht verstehen und trotzdem meinen weiter solche blöden Sprüche von sich geben zu müssen …. denen würde ich erst recht nicht mit „Stimmt, du hast recht“ antworten… die würde ich dann wirklich anschreien 😉

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    • Hey. Ja natürlich habe ich dass auch schon öfter so gesagt, allerdings hab ich die Erfahrung gemacht, dass nur sehr wenige Menschen reflektiert genug sind, um von ihrem Standpunkt abzuweichen und alles zu überdenken. Häufig folgt ein… aber trotzdem + irgendein irrationales Geschwafel. Einige Bekanntschaften haben in solchen Gesprächen auch schon ein Ende gefunden- worüber ich nicht wirklich traurig bin. Meine Mutter ist da ein Sonderfall, die absolut nicht fähig ist auch nur ansatzweise Fehler einzugestehen oder sich zu entschuldigen… da ich aber nicht komplett mit ihr brechen will, muss ich in solchen Augenblicken mein Trotzdem runterschlucken. Ansonsten ist das Ende des Textes eher literarisch zu sehen, ich persönlich reagiere oft sehr direkt und mache meinen Mund auf. 😅 Lg

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  2. Wie gut ich das nachvollziehen kann. Aber mich setzten Nachfragen von Freunden echt unter Druck und habe das Gefühl zu versagen. Ich habe daher gebeten nicht nachzufragen. Sie wissen, und ich natürlich auch, sobald ich Bedarf habe, melde ich mich mit dem Thema!

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    • Ja das stimmt, mir geht das bei meinem Chef manchmal so,wenn er weiß wir hatten nen Termin und er dann fragt, wies aussieht. Aber wenn enge Freunde gar nicht fragen, einfach offen… und wie geht’s bei dem Thema grad usw… dann ist das schon schade.

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  3. Wirklich genial – eine kleine Zusammenfassung meines Lebens. Vielen Dank für diese Worte! Alles ist genau so wie du es schreibst. Und ja, dieses kleine trotzige TROTZDEM auf dem Beifahrersitz kenne ich auch sehr gut. Ich kann gar nicht mehr zählen wie oft ich im Auto schon geheult habe.
    Ich habe es ganz bewusst nur ganz wenigen Menschen erzählt. Und diese Menschen gehen sehr respektvoll damit um. Sie alle haben selbst Fehlgeburten gehabt und kennen den sehnlichen Wunsch nach einem Kind. Allerdings hat mir meine beste Freundin beim letzten Negativ den Ratschlag gegeben, doch mal zum Heilpraktiker zu gehen. Alles klar. Wenn die Medizin mir nicht helfen kann, dann die Naturmedizin. Grrh. Aber egal, immerhin verhält sie sich sonst anständig.

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    • Danke für dein Lob. 😊 Ich finde es erstaunlich, dass so viele beim Autofahren weinen… manchmal frag ich mich wie das wäre, wenn ich mit den Öffentlichen zur Arbeit fahren würde? Ich wäre wohl die verrückte weinende Frau 😂😂😂

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  4. Auch ich muss sagen, du hast es auf den Punkt gebracht.
    Und auch ich werde kaum noch drauf angesprochen. Eine sagt, sie traut sich nicht zu fragen, weil sie Angst hat irgendwas in mir auszulösen. Die andere fragt gar nicht mehr und meinte erst neulich “ überleg dir das noch mal mit einem Kind, dass ist zum Teil sehr anstrengend ( selbst 3 kinder) und dabei weiß sie genau, wie sehr ich mir ein Kind wünsche und kennt die ganze Geschichte. Das hat mich ziemlich verletzt und weißt du was, ich glaube, sie hat es nicht mal gemerkt. 😔

    Sie verstehen uns halt einfach nicht. Sie hatten es zu einfach. Keiner der es nicht selbst durch hat, kennt diesen Schmerz und dieses TROTZDEM!

    Drück dich 😘

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  5. Sehr gut. Sehr sehr gut.
    Natürlich fragt man nur noch, weil man vermutlich eine drüberhinweglächelnde Antwort erwartet. Denn um Gottes Willen nach so langer Zeit immer noch die gleichen Klagen…das will keiner mehr hören. Oder man fragt sicherheitshalber lieber nicht, weil man nicht ertragen kann, dass sich hier in unserem Leben halt genau gar nichts verändert. Und die Abwürgerei bringt mich dann auch gänzlich auf die Palme.
    Das ist das gleiche, wenn du trauerst. Aber bitteschön: es ist doch irgendwann auch mal wieder gut. NEIN genau das ist es nicht. Es ist nicht wieder gut…
    Aber auch ich lächle versöhnlich und gebe die gleiche Antwort wie du. Und schon bin ich eine ach so starke Frau und passe wieder schön mit ins Bild…

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  6. Schön geschrieben, vielen Dank. Besonders das Trotzdem auf dem Beifahrersitz hat bei mir auch seinen festen Platz und heulend Autofahren kann ich perfekt.
    „Holt Euch doch einen Hund“ oder „Dafür hast du toll Karriere gemacht“ ist auch super!
    Ich muss allerdings sagen, dass ich mittlerweile froh bin, wenn Freunde (und bei mir wissen die meisten zumindest grob Bescheid) nicht mehr fragen und mitleidig gucken, ich weiß auch so, dass sie Interesse haben und erzähle nur, wenn mir danach ist. Und dann haben eigentlich zum Glück auch alle Verständnis und sparen sich die blöden Sprüche.
    Kopf hoch, irgendwann kommt unsere Zeit und versprochen, wir werden als Mutter hoffentlich nicht ignorant denen gegenüber, die noch in der Warteschleife hängen.

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  7. Du sprichst mir aus der Seele. Mir geht es ähnlich. Meine Familie fragt eh kaum noch und die die davon wissen fragen gar nicht mehr. Nicht mal mehr wie es einem geht. Dabei will man eigentlich schon noch gefragt werden. Aber wahrscheinlich trauen die sich nicht… aus Angst da was aufzubrechen, was einem weh tun könnte. Und wenn dann doch kommt so ein Spruch oder „aber du bist ja sonst gesund“ oder „es gibt schlimmeres“. Da kriege ich zu viel….

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  8. Ja, man hat das Gefühl, man drängt sich den Leuten auf. Es wird einfach nicht nachgefragt, das ist bei uns auch so. Himmel, ich habe Anfang Dezember meiner besten Freundin (!!!) erzählt, dass wir gerade ganz akut in Behandlung sind und Weihnachten dann wissen, ob es geklappt hat. Sie hat NICHT nachgefragt – weder, wie es läuft, noch wie das Ergebnis war. Bis HEUTE. (Aber beleidigt war sie, als sie nicht als erste von meiner Schwangerschaft und Fehlgeburt 2014 erfahren hat – ähm, ja, nachfragen soll helfen.) WTF?
    Ich kann einerseits verstehen, dass man nicht ständig nachfragen will (so wie ich meine Freundin auf Arbeitssuche auch nicht jedes Mal frage, ob sie schon einen neuen Job hat – das würde sie mir schon erzählen und man will ja auch nicht ständig daran erinnern werden). Aber manchmal wünscht man sich doch ein bisschen mehr Interesse.

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    • Ich habe zumindest das „Glück“, dass ein paar Freundinnen auch dieses Problem haben… aber vom Rest kommt echt selten was und von manchen gar nichts. Und du hast recht: das sind die, die dann beleidigt sind, dass man ihnen „nichts erzählt „. 🙈

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  9. Oh man Einstrich. Das hat du fantastisch auf den Punkt gefasst. Ich sitze grad auf Arbeit und muss mir die Tränen verkneifen. Deine Schilderung trifft genau was ich heute durchlebe. Und an anderen Tagen eben leider auch.

    Ich weiß das es uns allen irgendwie beschissen geht. Mal mehr, mal weniger. Aber wir sind nicht allein! Vielleicht hilft das ein bisschen …

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    • Oh du Arme, das tut mir echt leid. Es scheint momentan wirklich nicht sehr trendy zu sein, auf andere Rücksicht zu nehmen und einfach mal Empathie zu zeigen… fühl dich gedrückt!

      PS:Druck doch einfach den Text aus und leg ihn der entsprechenden Person auf den Platz 😉

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  10. Hach, du sprichst mir so aus der Seele!!!
    Unfassbar ist es auch, wenn sie versuchen, einem das Leben ohne Kind schmackhaft machen zu wollen- am besten mit Säugling im Arm…

    Ich fühle mit dir!!

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